PASTORALE ODER DIE ZEIT FÜR KAKAO

//VON WOLFGANG HILDESHEIMER
//21. - 23. & 26. - 28. September 2001

Pastorale - die poetische Rustikalidylle, in die man sich aus den Alltagsgeschäften zurückzieht.

"Spiele, in denen es dunkel wird" erschien 1958. Der Band umfasste drei neue Dramen von Wolfgang Hildesheimer, unter ihnen auch "Pastorale". Auf den ersten und auch noch auf den zweiten Blick hatten sie wenig Ähnlichkeit mit dem, was man bislang von Hildesheimer gewohnt war.

Statt geistreicher, witziger und pointierter Dialoge schienen die Stücke seltsam hermetisch und bizarr, statt eines eingängigen Handlungsablaufs fand sich plötzlich eine eher beliebig erscheinende Reihung kurioser Vorgänge ohne leicht einsehbaren Zusammenhang.

Hildesheimer war unter die Absurden gegangen.

Das Kritikerecho war nicht besonders erfreulich für den Autor in der Blütezeit der großen Beckett- und Ioneco-Inszenierungen. Eilige künsterische Anglei chung an eine Mode, so lautete das Urteil zumindest zwischen den Zeilen.

Dabei besticht die "Pastorale" doch durch temporeiche Dialoge voll Esprit. Eigentlich gelingt Hildesheimer die Mischung aus augenöffnender Erkenntnis und tagischem Spott und unterstreicht augenfällig die Verwandtschaft mit Ioesco, der außerdeutsche Dramatiker, mit dessen Werke Hildesheimers Spiele, in denen es dunkel wird" eine deutliche Verwandtschaft aufzeigen.

Der totale Absurditätsbegriff jedoch, der keinerlei konkret gezielte Proteste zulässt, sondern vielmehr das Eigeständnis der Ohnmacht des Theaters bedeutet, steht eigentlich in deutlichem Widerspruch zu Hildesheimers frühem Werk.

Und wirklich: Die "Pastorale" zeigt, dass Hildesheimer es nicht über sich bringt, die Ungereimtheiten der Welt auf sich beruhen zu lassen. Kulturkritik blitzt aus der Scheinidylle bestehend aus Lyrik, Gesang und Natur, sentimentale Sprüche kaschieren mühsam Machtegoismen. Bei Hildesheimer macht der Unsinn Sinn, gibt eben doch mindestens partiell Antworten und erzählt, auch wenn hartnäckig geleugnet, eine Geschichte.

ÜBER DEN AUTOR

//Wolfgang Hildesheimer (1916-1991)

Meine Realität

Meine Realität ist das sogenannte Absurde, und was für mich absurd ist, ist für die Mehrzahl der Menschen reale Gegebenheit. Wenn ich die Zeitung lese, dann grinst mich das Absurde an, und wenn ich an die Zukunft denke, dann erfüllt mich das Bild ihrer Absurdität entweder mit Angst oder mit Grauen. Die Zukunft ist für mich die ad absurdum geführte Gegenwart. Ich bin ein Anachronist, indem mir die kollektive Gegenwart nichts bedeutet, und ein Pessimist, indem ich mir von der Zukunft, gelinde gesagt, nichts erhoffe. (...)

Mein Theater

Mein Theater ist der Guckkasten. Die Bühne reicht ebensowenig über das Proszenium hinaus wie das Gemälde über seinen Rahmen. Manche meinen das Guckkastentheater und das Tafelgemälde seien tot. Darüber lässt sich streiten, aber nicht mit mir. Meine Bühne ist ein Land für sich, hier vollzieht sich ein Geschehen, dessen Beziehung zur Realität rein zufällig ist, von mir nicht angestrebt aber auch nicht bewusst vermieden.

Was will ich?

(...) Es liegt mir nichts daran, mit verteilten Rollen eine Geschichte zu erzählen oder eine These zu belegen. nichts liegt mir an der Verfechtung eines durch Helden symbolisierten Prinzips. Ich will auch nicht, an Hand irgendeines historischen oder fiktiven Einzelfalles, etwas Typisches demonstrieren, Pragmatik liegt mir so fren wie der Ehrgeiz, eine Katharsis auszulösen. Kein Kampf der Welt ist jemals auf dem Theater ausgefochten worden, das Theater hat noch keinen Menschen geläutert, keinen Zustand gebessert. Der Politiker A wird sich im Theater selbst unter dem Holzhammer nicht erkennen und meinen, es handle sich um den Politiker B. Und er wird vor allem dort herzlich lachen, wo der Autor bitter wird.

(Wolfgang Hildesheimer, 1959)